Zahltag oder Payback?

 

„Das amerikanische Geld ist wirklich gut gemacht. Es gefällt mir besser als jedes andere Geld. Ich hab’s in den East River unten bei der Staten Island Ferry geworfen, nur um zu sehen, wie es davonschwimmt.“ — Andy Warhol (1)

Das Herzstück bildet der Wert. Seine Materialität, Idealität und sein Verhältnis zur Gesellschaft, seine Verleihung, Steigerung, Erhaltung, Distribution, Zirkulation und Abschöpfung sind in den Arbeiten Philipp Valentas und auch bei den hier im Katalog versammelten, stets Thema – mal als zentraler Fixpunkt, mal als mitschwingendes Element. In „Geld und Kunst“ benennt die Kunsthistorikerin Angelika Steinmetz-Oppelland den Ausgangspunkt Valentas Schaffens mit der Frage „Was ist das Wesen materieller Werte?“ (2)

Durch den Dialog mit seinen Arbeiten kann der Versuch unternommen werden, deren theoretisch-praktischem Reservoir mittels verschiedener Positionen nachzuspüren. Die Arbeiten bilden hierbei immer einen durchgehenden Bezugspunkt, von dem ausgehend Theorie eine Anwendung findet und durch welche die Arbeiten wiederum spezifisch betrachtet werden können.

In „Writing Lines“ entwirft Valenta eine Raumanordnung, die an eine spezifische Prüfungssituation erinnert: Eine Klasse des Elizabeth Colleges der zum britischen Kronbesitz gehörenden Insel Guernsey, auf welcher der Künstler einen Residence- Aufenthalt verbrachte, sitzt in Schul-uniform diszipliniert an ihren Tischen. Das Geschehnis findet nicht „Behind the curtain“ statt, sondern unter dem prüfenden Blick einer frontalen Kameraperspektive. Die Schüler dieses „young white money establishment“ wurden angewiesen, „Codes of Conduct“ abzuschreiben, also die Verhaltenskodizes verschiedener Banken. Ab und zu blickt einer von ihnen zur Seitenwand des Raumes, die von der Kamera nicht erfasst wird. Es sind Blicke auf die Wanduhr. Die Situation mutet wie eine schulische Strafarbeit an – Guernsey stand tatsächlich im Jahr 2015 auf der schwarzen Liste der Steueroasen bei der Europäischen Kommission, dem gleichen Jahr, in der Künstler auf der Insel war.

Die Teilnahme an einem Austausch, der durch Geld vermittelt ist, stützt nach Marx das symbolische System und damit den „Großen Anderen“ und ist eng mit der Kategorie der Ideologie verknüpft. (3) Diese Teilnahme findet in der Arbeit „Writing Lines“ jedoch in einer nochmals bestimmt abstrahierten Weise statt. Die Verhaltensregeln der Banken werden formalisiert abgeschrieben, als zugetragene Aufgabe. Der verstohlene Blick zum „Großen Anderen“ verheißt hier Erlösung von ihr. Erlösung, dessen Hoffnung für Marx allein in der Revolution aufscheinen konnte. Hier würde der Universaltauscher Geld, der alles gewaltsam unter sich subsummiert, sowie das Prinzip des Tausches selbst als Auslöser der Verhältnisse als basales Prinzip abgeschafft werden. Der Mensch würde in seiner Sinnlichkeit und somit in seiner ganzen Menschlichkeit wieder hergestellt werden, Natur und Kultur auf einer höheren Ebene versöhnt werden. (4) Geld ist nach Marx Mittel und Zweck und, in einer Verkehrung klassisch ideologisch: Nur Zweck. Verändert sich die Quantität, so verändert sich dialektisch auch die Qualität des Geldes. Lässt sich zu seinem Geld keine persönliche Beziehung aufbauen?

In der „Philosophie des Geldes“ untersucht der von Marx inspirierte Simmel das Verhältnis moderner Geldwirtschaft und einer problematisch gewordenen Erfahrung von Individualität und Gesellschaft. Sein Ausspruch „Geld wird Gott“ (5) benennt eine konkrete Macht des Kapitals, ist aber auch beziehbar auf die erlangte Position von Banken im Stadtraum gegenüber Kirchen. Der Philosoph Christoph Türcke formuliert mit Bezug auf Marx und Simmel: „Aber erst das Geld ist der religiöse Ernstfall. Es ist ein wirklicher Gott, kein bloß eingebildeter wie Zeus oder Jahwe. Es schwebt nicht bloß als imaginärer Überbau über der Gesellschaft, sondern durchdringt ihre ökonomische Basis.“ (6) Bei aller Kritik an Simmels Pauschalität und Ahistorizität der Analyse, wenn er nach dem „Wesen“ des Geldes fragt, kann eines sehr gewinnbringend gelesen werden: Seine Herausarbeitung der Produktivität der ästhetischen Dimension. Wertung, Bewertung ist maßgeblich auch ein Gefühl. Am besten objektivieren kann es sich im Tausch und in der sich so herausbildenden Tauschgemeinschaft liegt ihr reinster Ausdruck im Geld. Den Vergleich von Geld mit Religion fundiert Türcke mit dem Verweis auf Währungs-Symbole, die den markanten Doppelstrich aufweisen (zb. Dollar, Euro, Pfund, Yen, Won). Offiziell eine Symbolisierung der eigenen Stabilität, haben sie ihren Ursprung in Stier-Hörnern und hier scheint für Türcke der archaische Zusammenhang beider auf: Er liegt im Opfer, die zwei Striche symbolisieren Stier-Hörner. Vom Rind aus ist früher gemessen worden. Die Dimension des Mythos‘ taucht in Valentas Arbeit auch mit konkretem Bezug auf Sagen auf, so in seiner Arbeit „Dido“. Die gleichnamige antike Prinzessin zerschnitt eine ihr gegebene Kuhhaut auf, um durch diese Vergrößerung die damit einhergehende Landschenkung zu vergrößern. Der Künstler der Arbeit „Dido“ fasert einen Geldschein auf, er wird als Strang größtmöglich langgezogen. Der Geldwert wird hier jedoch nicht gesteigert – im Gegenteil. Eine Steigerung der Reichweite des Kapitals muss hier scheitern. Das Verhältnis Quantität und Qualität ist beim Geld vom Material selbst abstrahiert, wird hier jedoch konkret materiell pointiert und dadurch dessen Absurdität nach außen gekehrt. Valenta nimmt die Dinge und deren sprachliche Bezeichnungen beim Wort und unternimmt den (absurden) Versuch, sie „ernsthaft“ auszuagieren. Pointiert demonstriert so zum Beispiel in der Performance und dem Video „Geldwäsche“, aber auch in „Herbarium“: Pflanzenmotive werden aus Geldscheinen unterschiedlicher nationaler Herkunft herausgeschnitten. Diese sind im mehrfachen Wortsinne „Blüten“ und auch das Geld wächst und muss gepflegt werden.

Die informativen Hintergründe in den künstlerischen Arbeiten eröffnen gänzlich neue Perspektiven, Räume und Begegnungen mit den Werken. Sie lassen den Betrachter die Arbeiten anders lesen. Charmant ist, dass der Zugang in der Betrachtung jedoch auch der einer unmittelbaren Erfahrung sein kann und die vorhandenen vielschichtigen diskursiven Verknüpfungen nicht dominieren müssen. Die Blüten und die in Beratungsräumen einer Bank aufgestellten weißen Rosen in „Sub Rosa“ sehen auch einfach „schön“ aus. Bei „606,24 €“ ist die Tätigkeit des Geldabzählens und -abpackens zumindest zunächst einfach nur die Tätigkeit. Geld geht (tatsächlich) durch die Hand des Künstlers. Religiöse Stellung hat es vorerst nicht im Entferntesten. Doch ist die Stellung des Geldes andererseits in dieser Performance so exponiert, dass die minimalen, fein gesetzten und „designten“ Inszenierungsweisen Valentas in ihrer komplexen Prägnanz dem Geld etwas beinahe Erhabenes verleihen. Die kulturphilosophisch bedeutsame Frage der Konstellation von Dingen und Werten wird ins Licht gerückt und belichtet – bildlich gesprochen vielleicht sogar überbelichtet.

Ein Grund, dass Simmel den Fetisch des Geldes nicht genügend fassen konnte, ist, dass er ein zentrales Motiv marxistischer Theorie vernachlässigte: den Warenfetisch. Dieser verschleiert, dass hinter den Verhältnissen von Dingen Verhältnisse von Menschen stehen. In „Das Kapital“ findet sich hierzu Marx‘ bekanntge- wordene Formulierung: „Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregionen der religiösen Welt flüch-ten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eigenem Leben begabt, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten“. (7) Das Rätselhafte, die beinahe magisch anmutende Eigendynamik des Kapitals wird hier benannt. Der Blick auf das Menschengemachte der Verhältnisse wird verstellt – sie erscheinen uns vielmehr als gegeben und werden zur zweiten Natur. Die Ware hat durch Tausch- und Gebrauchswert einen „Doppelcharakter“ und auch Geld ist selbst Ding.

Valentas Blick auf gesellschaftliche Hintergründe von Wertschöpfung wohnt eine Melancholie inne. Seine Werke haben eine gewisse Stille. Nicht im Widerspruch dazu steht die augenzwinkernde Überspitzung, welche die Praxen, die hinter den Untersuchungsgegenständen standen und stehen, also auch uns selbst, anders erscheinen lässt, und dies oftmals mit einem konkreten Bewusstsein für Zeit und Ort. Die Distanz der Perspektive ist stets rückgebunden an die Genealogie der Dinge und somit doch wieder ganz bei ihnen. Besondere Beachtung finden hierbei sowohl die Sprache als auch handwerkliche Ursprünge. Nicht nur bei „Dido“ wird dies deutlich, sondern auch in „A perfect match“: Zwei silberne Drucke eines Ginkgo-Baums verweisen auf die Ähnlichkeit der Zeichen im Japanischen für Bank und Ginkgo und auf die vormalige Verwendung der Samen als Zahlungsmittel.

Die Darstellbarkeit und Abbildbarkeit monetärer Wertverhältnisse werden von Valenta problematisiert und mit lakonischem Humor offengelegt. In seinen Arbeiten „Inverted DAX-Mazes“ oder „Vektor“ wird die virtuelle Zirkulationsform globaler Geldströme in einem Spiel von Naivität und Ironie aufgegriffen und in eine neue Repräsentationsform gebracht, die symbolischer als das Virtuelle selbst auftritt und einen neuen Code generiert. Darstellbarkeit und Virtualität spielen auch bei zeitgenössischen Phänomenen eine zentrale Rolle. Im aktuellen Abschaffungsprozess des Bargeldes in Schweden, oder aber auch in der Abbildung von Aktienkursen in Zeitungen, die als sentimental anmutende Atavismen erscheinen, können sie doch mit der Geschwindigkeit der Echtzeit- Börsenkurse nicht im Entferntesten mithalten. Die Menge an materiell reale vorhandenem Geld ist nicht gleich einer entsprechenden Menge an Wert. Valenta macht das kon-kret, was in der Vermitteltheit an uns abstrakt beziehungsweise virtuell ist. Als Theoretiker der Virtualität, von Realität als tautologische Verweisstruktur, gilt der französische Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard. Das von ihm diagnostizierte Zeitalter universeller Simulation benennt er als „hyperreal“. Auch die Ökonomie verfällt nach ihm in diesen Zustand, der nur den Modus einer bestimmten leergelaufenen ästhetischen Form liefert. (8) Geforderte Subversionen gegen das „System“ setzen an der symbolischen Ordnung an, welcher der erwähnte „Große Andere“ zugrunde liegt, wie das Enfant terrible der zeitgenössischen Philosophie Slavoj Žižek psychoanalytisch bemerkt. (9)

Anknüpfend an die Bedeutung des Rindes als „zum Geld gehörig“ (lat.: pecuniarius; pecus: Vieh; pecunia: Geld) ließe sich in die Genealogie einer Ästhetik der Ökonomie die Überlieferung von Tierleder als früheres Zahlungsmittel einfügen. Mit für Valenta typischem Witz erscheint der dazugehörige Ausdruck „Buck“ (von Buckskin) in einer hier popkulturellen Wendung in dem parodistischen Titel von Valentas Arbeit „I LIKE BIG BUCKS AND I CANNOT LIE“. Die Banknote als künstlerisches Motiv ist prominent von Andy Warhol verwendet worden. Ein perfektes Geschäft stellte für ihn ein perfektes Kunstwerk dar. Baudrillard sah in Warhol und der Pop Art die prädestinierte Weise im Umgang mit den postmodernen Bedingungen von Kunst, Kapital und Ware. Gleich einer Jiu Jitsu-Bewegung kehrt Warhol den Mechanismus einer diagnostizierbaren Kulturindustrie gegen diese selbst, beziehungsweise wendet sie auf diese an. Monumentalisierung des Banalen und des Kitsches schaffen als Reproduktion der Reproduktion eine neue Aura – und erhalten Wert, der auch auf dem Kunstmarkt einen Ausdruck findet. Hier jedoch als „Parodie des Marktes“. Dem Tauschwert, der bei Marx gemeinsam mit dem Gebrauchswert die Teilung der Ware beschloss, wird durch die Radikalisierung des Tauschwertes selbst entgangen. Das Zeichen wird als völlig entleertes zur Subversion, auf die das System keine Reaktion weiß. Das dialektische Umschlagen von kulturindustrielle in ästhetische Qualitäten soll gewissermaßen provoziert werden. (10)

Auch Valentas popkultureller „Buck“ ist ein sich in der Reproduktion befindliches Werk. Der Geldschein wird durch die Bedruckung seines funktionalen Wertes beraubt, jedoch zugleich und dadurch in eine andere Wertsphäre des Zeichens geschossen. Der bedruckte Dollarschein erhält einen Wert weit über den eines Dollars hinaus, obwohl sein eigentlicher Wert zerstört worden ist – beziehungsweise gerade deshalb – jedoch in spezifischer Weise in der definierenden Form von Kunst. Das implizit parodistische Element des Kunstmarktes ist ebenfalls in Valentas „The absurdity of certain hypes lacking concept“ Thema, wenn die „Spot Paintings“ Damien Hirsts als Geld- Frottagen adaptiert werden. Der Kunstmarkt hat etwas Willkürliches, Wertschätzung verläuft über die Quantität des monetären Wertes, des Preises: Kunst als Ware. Es kommt aber darauf an, explizit als diese gemacht zu werden.

Die Geste, die in Valentas Arbeiten durchscheint, die Haltung, der Humor, die Ironie und Parodie befinden sich durchaus in dem skizzierten Einzugsgebiet von Pop Art, ohne solche sein zu müssen („Big Bucks“ bildet hier eine augenscheinliche Ausnahme). Ihre ästhetische Form ist reizvoll, ihr sublimer Umgang mit den Umständen, aus denen sie schöpfen und die uns in einer Totalität gegenübertreten, die mit „kapitalistische Verhältnisse“ benannt werden können. Es sind bestimmte Oberflächen, die herausgehoben werden und jedoch immer auch eine Folie bilden. Und es sind Geld-Symbole oder Tätigkeiten wie Waschen und Zählen, die eine bemerkenswerte ordnende Rationalität implizieren.

Die Dinge, so ließe sich vielleicht sagen, werden vom künstlerischen wie vom philosophischen Standpunkt aus spezifisch konstelliert. Künstlerisch-ästhetische Formsprache hat gegenüber vielen philosophischen den Vorteil, frei von begrifflichem Identifizieren Behauptungen aufstellen zu können, welche die Dinge spezifisch neu konstellieren und erscheinen lassen. Im Bewusstsein des Spannungsfeldes von Ernst und Unernst geht Valenta, der selbst in einer Bank gearbeitet hat, mit zwinkerndem Auge mit. Mit einer Baudrillard‘schen Unterwanderung bzw. Überbietung von kulturindustriellen und (spät)kapitalistischen Eigenarten scheint sich eine Aporie, wie sie in einer dogmatischen kritischen Position auftreten kann, umgehen zu lassen. Marx‘ Motiv einer Versöhnung von Natur und Kultur ist vielleicht vertagt, doch die Potenziale von Affirmation und Kritik und ein erhellender Umgang mit den Verhältnissen werden freigelegt.

Der Titel des hier vorliegenden Kataloges lautet „Financial World“ und die thematisierten Verhältnisse sind gegenwärtig in der zeitgenössischen Geschäftswelt. Dass diese trotz allem kontingent ist, findet sich fragmenthaft wieder in der Geschichte des größten US-Amerikanischen Business-Magazins, der „Financial World“. Dieses war es nämlich, bis es, ganz profan, 1998 „out of business“ ging.

 

(1) Warhol, Andy: The Philosophy of Andy Warhol (From A to B and Back Again), New York, 1975

(2) Steinmetz-Oppelland, Angelika: Was ist das Wesen materieller Werte?, in: Geld und Kunst, hrsg. Philipp Valenta anlässlich der Ausstellung „Philipp Valenta“, Bottrop, 2014

(3) Lacan, Jacques: Das Seminar. Buch III.

(1955–1956). Die Psychosen, Weinheim/Berlin, 1997

(4) Holzinger, Michael (Hg.): Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, Berlin, 2014

(5) Simmel, Georg: Philosophie des Geldes, Berlin, 1990

(6) Türcke, Christoph: Mehr!: Philosophie des Geldes, München, 2015

(7) Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hg.): Marx-Engels-Werke. Das Kapital. Bd. 1., 23. Auflage, Berlin, 2014

(8) Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin, 2011

(9) vgl. Žižek, Slavoj: The Pervert’s Guide to Ideology. Zeitgeist Films, 2013

(10) Baudrillard, Jean: Von der absoluten Ware, in: Bastian, Heiner (Hg.): Andy Warhol. Silkscreens from the Sixties. München, 1990

 
 

Julien Rathje, Philosoph

 
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