Philipp Valenta

 

Unter welchen Aspekten lässt sich der Begriff des Geldes betrachten? Was sind die Mechanismen von Wertschätzung und Wertschöpfung? Diese Fragen bohren mit aller Kraft tief in das Herz unserer gesellschaftlichen und sozialen Organisation, wobei ihnen eine Thematik innewohnt, die aktueller denn je zu sein scheint. Die Zeiten, in denen dem Geld noch eine feststehende Menge an Gold gegenüber stand, sind vorüber. Der Wert des Geldes differenziert sich und nimmt dabei immer abstraktere Formen an, die sich, gleich der immer feiner werdenden Verästelung eines Wurzelwerks, zu immer unübersichtlicheren Sphären hinbewegen. Riesige, künstlich generierte Blasen, gefüllt mit Hoffnungen und Träumen, Grundlage von Lebensentwürfen und Existenzen, zerplatzen innerhalb eines Augenblickes – was für die einen ein Zahlenspiel ist, ist für die anderen Leben oder Tod.

Philipp Valenta (*Hattingen) begreift die Aspekte des Wertbegriffs und die Mechanismen von Wertschätzung und Wertschöpfung als wesentliche Bestandteile seiner künstlerischen Praxis. Im Dunstkreis der Machtzentren und Prosperität findet er gleichermaßen Faszinierendes und Irrsinniges und verknüpft beides mit volkstümlichen Sprichwörtern und dem kulturellen Konglomerat der griechischen und römischen Antike, indem er feinsinnig ihre Mythen und Überlieferungen in seine Arbeiten einwebt und tiefe Sinnbilder entwickelt, die eines Informationshintergrundes bedürfen. Dabei legt er sich nicht auf ein bestimmtes künstlerisches Medium fest, sondern integriert verschiedene Techniken wie Zeichnung, Frottage, Collage, Objekt, Installation und Videoarbeiten.

Die Arbeit mit Aktienkursen, Devisen und Preisentwicklungen bringt eine starke temporale Komponente mit sich, die sich in den neueren Arbeiten Valentas wiederfindet. Serielle Arbeiten, Arbeiten innerhalb eines Tages, zeitliche Eingrenzungen einer Werkreihe – wie auch die Konzentration auf das Aktuelle, das „Jetzt”. So zeigt sich in der Arbeit „Vektor“ Valentas Offenheit gegenüber neuen Techniken und Möglichkeiten der Visualisierung und es wird ein Moment im Verlauf eines Aktienindexes ins Graphische übersetzt. Auf Kopierpapier ausgedruckte Pfeile in grün (aufsteigend), grau (stagnierend) und rot (fallend) beschreiben den Aktienindex eines Landes zu einem bestimmte Zeitpunkt. Am Tag der Eröffnung wird zu einem vorher definierten Punkt eine Abfrage der Werte des jeweiligen Indexes des Landes online vorgenommen und die einzelnen Veränderungsangaben in Pfeile umgerechnet. Die Installation manifestiert so einen fluiden Moment und zeigt hier auf sinnliche Weise einen Status quo des Aktienmarktes, der zur Zeit seiner Dokumentation schon längst wieder obsolet geworden und somit ohne jeglichen Inhalt ist. Die Arbeit ist so eine Anspielung auf die Unberechenbarkeit und Schnelllebigkeit der Finanzwelt und auf eine scheinbar gleichsam fatale und erschreckende Abwesenheit eines tieferen Sinns im Aktiengeschäft.

Während seines mehrwöchigen Aufenthalts im Rahmen eines Artist and Residence Programms auf der Insel Guernsey setzte Valenta sich mit der besonderen Stellung der Insel als Steueroase für den globalen Finanzsektor auseinander. So thematisiert er etwa in „Behind the curtains“ die Intransparenz von Banken, Trusts und Fondgesellschaften, indem er die Fenster des Galeriegebäudes – das ehemalige Torhaus der Schule – mit Spionspiegelfolien uneinsehbar macht. Valenta spielt damit auf die allgegenwärtigen, abgedunkelten und verspiegelten Scheiben der zahlreichen Finanzgebäude in St Peter Port an, die in der pittoresken, kleinen Stadt ungleich seltsamer wirken als in einer Großstadt. Aber auch die Galerie und somit die Kunst verschließt sich einer näheren Betrachtung von außen und ist nur einem kleinen elitären Kreis zugänglich.

Weiterhin greift er in Writing Lines während seines Aufenthaltes auf Guernsey eine bis vor kurzem gängige Erziehungsmaßnahme an den örtlichen Schulen auf, die als Strafe eingesetzt wurde, wenn ein Schüler gegen die Regeln verstoßen hatte. Die Strafarbeit bestand darin, dass der oder die Betroffene den „Code of Ethics” abschreiben musste. Diese Methode hat bis heute nichts von ihrer Zeichenhaftigkeit verloren – etwas so lange zu schreiben, bis man es im Kopf behält. Die Videoinstallation zeigt neun Schüler des Elizabeth College in St Peter Port, Guernsey für die Dauer einer Schulstunde beim „Nachsitzen”. Alle erhielten ausgewählte Passagen aus den Codes of Conduct neun unterschiedlicher Banken, die in den vergangenen Jahren gegen eben diese und ihre Regeln verstoßen haben. Diese wurden innerhalb der Schulstunde kopiert und werden parallel zum Dokumentationsvideo präsentiert. In den letzten Jahren gab es immer wieder Anschuldigungen gegen international agierende Banken, die anschließend mitunter Strafen in Millionenhöhe zahlen mussten. Doch immer wieder stellt sich die Frage, wer eigentlich für diese Verstöße die Verantwortung trägt und wer das Nachsehen hat. In Writing Lines wird der Verstoß der Banken gegen die eigenen Grundsätze mit der zwar veralteteten, aber dennoch für wirksam befundenen Erziehungsmethode verfknüpft. Auf das Fehlverhalten der Banken folgt eine Strafarbeit für die Schüler.

Neben seiner Auseinandersetzung mit der Insel als bedeutendem Standort der Finanzwelt im Sinne des Offshore-Bankings, entdeckt Philipp Valenta im Rahmen seiner kulturellen Feldforschung für die Insel typische und teils skurile Sprichwörter, die auf das Thema Geld Bezug nehmen, und die er in seine Arbeiten integriert. Dies zeigt sich unter anderem in einer Performance zum namensgebenden Ausspruch Making a Mint, was wörtlich übersetzt „ein Minzbonbon machen” bedeutet. Im übertragenden Sinne wird dieser Ausspruch benutzt, um anzuzeigen, dass jemand ein Vermögen verdient. Für die Performance stellte er Minzbonbons her, die er dann während der Ausstellungseroffnung verteilte. Die Gäste wurden mit lockeren Sätzen wie „Do you want mints? I made mints.” oder „Can I offer you some of these? I made some mints tonight.” dazu aufgefordert, sich einen Minzbonbon zu nehmen Hier im Katalog findet sich, als konzeptuelle Erweiterung der Arbeit, keine fotografische Dokumentation der Performance, sondern nur das handgeschriebene Rezept: eine Anleitung, wie man Minzbonbons macht – oder ein Vermögen verdient.

Die Verwendung sprachlicher Figuren und Besonderheiten insbesondere in den Titeln von Valentas Arbeit ist immer wieder von Belang. Dies wird auch in seiner Arbeit Silver Lining deutlich, eine Reihe von Silberstiftzeichnungen (ausgeführt mit Silberstift) mit Tagesbezeichnung. Die Zeichnungen zeigen den Verlauf des Silberpreises eines Tages – dargestellt durch eine schlichte, silberne Linie auf weißem Papier. Neben der konzeptuellen Verknüpfung von Material und Inhalt durch die alte Technik des Zeichnens mit reinem Silber verweist der Titel auf die Hoffnungen und Träume, die in den Kursbewegungen stecken können – die „Silberstreifen am Horizont”. Hoffnungen und Träume oder vielmehr die Suche nach dem Glück sind auch Gegenstand seiner falschen Kleeblätter, die für die Illusion des Glücks stehen. Angelehnt an den Aberglauben, dass vierblättrige Kleeblätter Glück bringen sollen, wird hier den auf der Insel zahlreich vorhandenen dreiblättrigen Kleeblättern ein weiteres hinzugefügt und so die täuschend echte Illusion geschaffen, dass es sich um vierblättrige Kleeblätter handelt. Die Arbeit ist angelehnt an ein früheres Werk von 2014 mit dem Titel „Rainbow“. Die vor allem in Irland verbreitete Sage, dass am Ende des Regenbogens ein Topf voll Gold zu finden ist, bildet das Bindeglied zwischen den beiden Arbeiten. Der Regenbogen als etwas f lüchtiges, illusorisches, spannt die scheinbare Brücke zum ersehnten Gold – zum Glück. Doch bleibt dieses Glück Illusion, denn wer hat jemals wirklich das Ende des Regenbogens erblickt?

Die Mechanismen der Wertschätzung und Wertschöpfung zeigen sich in Valentas Arbeiten auf humorvolle und gleichsam nuancierte Weise. Der Begriff des Geldes wird aufgefächert und aus verschiedenen Winkeln beleuchtet, sodass Momente des Absurden im Finanzwesen sichtbar werden. Dadurch leistet Philipp Valenta einen Beitrag, die komplexen und oft verborgenen Strukturen des Wertschöpfens auf sinnliche Art erfahrbar zu machen.

 
 

Julian Obertopp, Kulturwissenschaftler

 
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