Goldfäden und andere Kunststücke

 

Was ist das Wesen materieller Werte? Von diesem Ausgangspunkt spürt Philipp Valenta mannigfaltigen Aspekten von Geld und Gütern jenseits des volkwirtschaftlichen Wertbegriffs nach, um sie dann in sinnfälligen Metaphern zu benennen. Gleichermaßen ernsthaft wie ironisch beleuchtet er in immer neuen Varianten die Frage nach den Mechanismen von Wertschätzung und Wertschöpfung. Er reflektiert über das gesellschaftliche Image von materiellem Gut und Reichtum und lässt seine Untersuchungen schließlich in die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zwischen dem Güterpreis des Geldes, seinem ideellen Wert und seiner gesellschaftlichen Bedeutung münden.

Philipp Valenta entwickelt zur Veranschaulichung dieser Phänomene, die ihn faszinieren, bildliche Konzepte, wobei er sich nicht auf bestimmte Methoden künstlerischer Auseinandersetzung festlegt, sondern die ganze Spannbreite von Wegen zur Visualisierung einbezieht: Zeichnung, Frottage, Collage, Objekt, Installation und Videoarbeiten beschreiben nur ansatzweise die ihm zu Gebote stehenden bildnerischen Mittel. Auch ein mehrmonatiges Praktikum in einem Geldinstitut, in einer Bank, aus dem mehrere Konzepte unmittelbar hervorgingen, diente zwar ohne Zweifel auch der Feldforschung, reiht sich aber in seiner Gesamtheit als künstlerisches Projekt ebenfalls in die die Reihe von Valentas Arbeiten zum Thema ein.

Seine Strategie bei der Erforschung von Wert und Wertigkeiten setzt bei der Suche nach Sujets an, in denen sie manifest werden. Dabei eröffnet sich der Blick in die Kulturgeschichte, wenn Valenta in auf Mythen und Überlieferungen der griechischen und römischen Antike zurückgreift. „Der goldene Faden der Ariadne“ heißt eine goldene Pinselzeichnung, deren gezackte Linie den inflationsbereinigten Goldkurs seit 1968/69 abbildet – damals wurde der Goldstandard des US-Dollars aufgegeben; seitdem ist diese Währung nicht mehr an einen fixen Tauschwert in Gold gebunden. Obwohl das Gold also heute keine sichere Deckung der Währung gewährleistet, gilt sein Wert – der sich im jeweils aktuellen Goldkurs abbildet – nach wie vor als Leitlinie, als Wegweiser, der den rettenden Ausweg zeigen soll, ganz wie der sprichwörtliche Faden, das sinnreiche Hilfsmittel der kretischen Königstochter Ariadne, das sie dem Theseus gab, damit er nach dem Sieg über den Minotaurus im Labyrinth wieder den Weg zum Ausgang finden konnte.

Das Bild des Fadens und die antike Überlieferung nimmt Philipp Valenta auch auf, wenn er in der Installation „Dido“ auf die List anspielt, mit dem die Prinzessin Dido von dem Berberkönig Jarbas Land erworben haben soll: Er erlaubte ihr, so viel Boden zu nehmen, wie eine Stierhaut umgrenzen konnte. Schlau zerschnitt sie die Haut in zahlreiche dünne Streifen, die sie aneinandernähte und so ein Gebiet von solcher Größe umfasste, dass immerhin die Stadt Karthago darauf gegründet werden konnte. Philipp Valenta wendet den Kunstgriff auf eine 1-Dollarnote an, doch anders als beim sagenhaften Beispiel führt die Vergrößerung des Umfangs nicht zur Vermehrung des Besitzes. Hatte sich die Wertsteigerung bei dem mythischen Handel zwischen Dido und Jarbas noch aus dem Umgang mit ganz greifbarem Faktoren ergeben, so ist das moderne Zahlungsmittel eine Abstraktion, die durch physische Ausdehnung nicht aufgewertet werden kann. Der Künstler weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es sogar ökonomischer sei, die kleinste Dollarnote zu verwenden, da alle Scheine das gleiche Format haben.

Der Wert moderner Zahlungsmittel ist nicht in deren Größe, Gewicht oder Material fassbar. Sie sind im Zuge der Entwicklung des Geldwesens zu begrifflichen Ableitungen geworden, zu Stellvertretern für einen materiellen Wert. Doch stellt sich, auch für den Künstler, die Frage, ob und inwiefern sich ihre Geltung, die Wertschätzung und die Fiktionen, die an sie herangetragen, mit denen sie angereichert werden, sich im Zuge dieser Entwicklung ebenfalls verändert haben.

Philipp Valenta untersetzt dieses Generalthema mit bildhaften Rückgriffen in den Fundus der kulturhistorischen Überlieferung, die er mit Motiven aus der Geld- und Finanzwirtschaft verschränkt. Er entwickelt dabei geistreiche Chiffren, die freilich eines Informationshintergrundes bedürfen. Oft werden geflügelte Wörter und volkstümliche Vorstellungen mit Wirklichkeitszitaten kombiniert und konfrontiert: Während der Künstler in der Installation „Auf Rosen gebettet“ ein Ruhelager aus ausgedienten Geldsäcken der Deutschen Bundesbank baut, bezieht er sich im Titel auf eine Praxis der Luxuskultur im antiken Rom, wo man sich auf mit duftenden Rosenblättern gefüllten Kissen und Polster zur Ruhe legte. Die Collage „Rainbow“ ist aus allen Geldrollenpapieren zusammengesetzt; die Höhe der Farbstreifen entspricht den Dimensionen, die die gefüllten Rollen haben würden. Was wie ein Balkendiagramm erscheint, ist regenbogenbunt und heißt es nicht auch, am Fuße des Regenbogens sei ein Topf von Gold vergraben?

Geld und Gold haben als Motiv ihren festen Platz in der Kunstgeschichte. Die europäisch-christliche Bildtradition ist geprägt von der im Neuen Testament beschriebenen Forderung Christi, wonach sich der Mensch von Geld und allem irdischen Gut lossagen solle. Geldstücke und Geldsäcke sind demnach meist ein Attribut von Laster Habgier, Neid und Verrat, doch kann andererseits auch die Darstellung von Tugenden wie Mildtätigkeit, Nächstenliebe und Großzügigkeit nicht auf das Motiv verzichten. In der flämischen Malerei des 16. u. 17. Jahrhunderts, im gesellschaftlichen Umfeld einer bürgerlichen Gesellschaft, die vom Umgang mit Geld als allgemein verbreiteter soziale und kultureller Praxis lebte, hatten Darstellungen von Münzen zählenden Geldverleihern und Wucherern Hochkonjunktur. Als höchst ambivalente Sinnbilder konnten sie einerseits das Bild des selbstbewussten und gleichzeitig verantwortungsvollen Finanzfachmanns zeichnen, im Gegenzug aber auch in der hässlichen Fratze des blutsaugenden Wucherers alle negativen menschlichen Charaktereigenschaften in sich vereinigen. In dieser Tradition blieb in der bildenden Kunst bis weit in die Moderne bei der Darstellung von Geld oder Finanztransaktionen immer der mahnend erhobene Zeigefinger im Hintergrund sichtbar. Erst Pop Art-Künstler wie Andy Warhol scheuten sich in den 1960er Jahren nicht, Geld als gesellschaftliche Größe bildlich offenzulegen und Banknoten als Ikonen ihrer Epoche darzustellen. Dabei konnte Warhol noch, wenn er Dollarscheine 80-fach wiederholt auf die Leinwand malte, damit rechnen, das Publikum mit einem Bildmotiv zu provozieren, dessen Darstellung als banal, wenn nicht gar als obszön empfunden wurde, nach dem Grundsatz: „Mit Geld spielt man nicht!“.

Diese Regel führt übrigens auch eine Arbeit von Philipp Valenta im Titel und sie bestätigt, dass er, wenn auch mit anderen Methoden künstlerischer Formulierung, in eben dieser künstlerischen Tradition steht, die die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung monetärer Werte zunächst moralisch indifferent stellt. Er schlüsselt sie zunächst als neutrale Größe in ihren verschiedenen Aspekten auf und gibt damit - objektivierend und problematisierend - den Diskurs frei, analog zum Güterbegriff im philosophischen Sinne, wonach Güter von sich aus ethisch unbestimmt sind und nur nach ihrem unterschiedlichen Gebrauch beurteilt werden können. In Anwendung dieses Prinzips auf Geld und materielle Güter soll der florentinische Bankier und Kunstmäzen Giovanni Rucellai im 15. Jahrhundert formuliert haben: „Es ist gut zu wissen, wie man Geld verdient, aber noch besser zu wissen, wie man es ausgibt.“

 
 

Dr. Angelika Steinmetz-Oppelland, Kunsthistorikerin und Kuratorin

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