GLAUBE UND WERT
 

Die Arbeiten von Philipp Valenta

Der Künstler Philipp Valenta beschäftigt sich in seinen konzeptuellen Arbeiten mit der Entstehung und der Verhältnismäßigkeit von finanziellen, kulturellen und gesellschaftlichen Werten. Mit seiner Arbeit »A perfect match« (2014) stellt Philipp Valenta vielschichtige Bezüge her. Silberne Farbe wird auf Gingko-Blätter aufgetragen und anschließend auf einem Blatt Papier abgedruckt. Diese wohl älteste Baumart, der in Weimar ein ganzes Museum gewidmet ist, stammt ursprünglich aus China. Der robuste, sagenumwobene Baum wird im gesamten asiatischen Raum verehrt und ist auch in Europa seit einigen Jahren als Allround-Heilpflanze sehr beliebt. Ihr Name stammt von den Worten »gin« für Silber und »kyo« für Aprikose, da der weiß-silbrige Samen von einer orangefarbenen Hülle ummantelt wird. Die im Japanischen existierende Namensverwandtschaft von Ginkgo und dem Wort für Bank (ginkō), erinnert daran, dass im alten China die fächerförmigen Blätter sowie der Samen als Zahlungsmittel verwendet wurden. Nicht nur mit »A perfect match« sondern auch mit der Arbeit »Fen-Fan« (2014)verbindet Valenta das Finanzwesen mit chinesischer Kulturgeschichte. Aus 1, 2 und 5 »Fen«-Banknoten, der kleinsten Währungseinheit in China, schneidet der Künstler die Ornamente der Scheine heraus und fügt sie zu gelben, blauen und grünen Fächern (englisch: »fan«) zusammen. Diese Scheine, deren Materialwert fast höher als ihr Nennwert liegen müsste, erfahren durch die Überführung in den Kunstkontext nun gewissermaßen eine Aufwertung. Fächer sind nicht nur in der asiatischen sondern auch in der europäischen Geschichte fest verankert. In Japan sind sie Bestandteil traditioneller Tänze und ebenfalls ein übliches und beliebtes Geschenk. Vor allem im Süden Spaniens werden Fächer, unentbehrlich für den klassischen Flamenco-Tanz, auch als Touristenkitsch-Artikel millionenfach verkauft. Fächer waren ebenfalls ein wichtiges Accessoire der Damen europäischer höfischer Gesellschaften vergangener Jahrhunderte. Mit den beiden Arbeiten »A perfect match« und »Fen-Fan« spielt der Künstler nicht nur auf phonetische Verbindungen an, sondern verweist auf traditionelle Konnotationen der asiatischen und europäischen Kultur sowie des Bankenwesens. Ähnlich geht Philipp Valenta auch in seiner Arbeit »Mit Geld spielt man nicht« (2011) vor. Hier verbindet der Künstler die Bedeutung von Geld mit einem weiteren chinesischen Kulturgut, dem Tangram. Entgegen des Werktitels und ganz im Sinne des Legespiels ruft Valenta dazu auf, die sieben Einzelteile, deren Oberfläche zum Quadrat zusammengesetzt den Großteil eines 5 EUR-Scheins ergibt, zu möglichst vielen Kombinationen zusammenzulegen, um die Schönheit der Welt, die in der Vielfalt liegt, zu entdecken.

 

Mit seiner Serie von Drucken und Zeichnungen namens »Wertpapierzeichnung« (2014) rekurriert der Künstler auf die Ausgabe von Aktien und Wertpapieren eines Unternehmens. Valenta notiert hier lediglich die Kennnummern dieser Papiere. Da er sich dabei nur auf die 30 umsatzstärksten, deutschen DAX-Unternehmen konzentriert, wurden die Rahmen der einzelnen Arbeiten in Anlehnung an einen Dachsschwanz schwarz-weiß-schwarz gestaltet. Philipp Valenta ironisiert die Bedeutung und die den Papieren beigemessene Wertigkeit, in dem er darauf verweist, dass es sich bei Aktien lediglich um ein nummeriertes Stück Papier handelt. Durch die Überführung der reinen Nummern in den Kunstkontext wird diesen allerdings ein eigener Wert zugesprochen, den eines Kunstwerks, der wiederum durch die reine Auflistung als eine Art vorgefundenes Objekt ebenfalls hinterfragt wird.

 

Das Thema Geld spielt in vielen Performances und Aktionen des Künstlers eine wichtige Rolle, beispielsweise wenn er »Geldwäsche« wörtlich nimmt und  Geldscheine nicht nur von Schmutz sondern auch von ihrer Farbigkeit reinwäscht, indem er sie zusammen mit einem Farbauffangtuch in die Waschmaschine steckt. Auch das Thema des Geldzählens beschäftigt Valenta. Allerdings zählt er nicht wie Dagobert Duck seinen Reichtum, sondern seine eigenen Schulden - mit geliehenen Münzen. In einer Zeit, in der Fernsehwerbung dazu aufruft, sich mit einem Kleinkredit privat zu verschulden, um nicht etwa seinen Lebensunterhalt zu sichern, sondern ein Luxusleben mit schicken Autos und Urlauben auf Pump zu führen.

 

Der Künstler beschäftigt sich mit umfangreichen Themen wie dem des Finanzen oder des Geldkreislaufs. Zudem verwendet er Münzen und Banknoten als Material in seinen Arbeiten – und steht somit in der Tradition der »Geldkunst«. Nachdem das Geld, vorzugsweise Münzen, in der Kunst jahrhunderte lang lediglich der Veranschaulichung mythologischer oder religiöser Themen diente oder als Attribut für Reichtum galt, wurde es im 20. Jahrhundert ein eigenständiges Thema. So verwendet beispielsweise George Grosz das Dollarzeichen 1926 in seinem gesellschaftskritischen Gemälde »Sonnenfinsternis«. In den 1960er Jahren hielt mit der vermehrten Verwendung von Alltagsmaterialien im Kunstkontext auch das Geld endgültig Einzug in künstlerisches Schaffen. Damit einher ging eine zunehmende Auseinandersetzung mit inhaltlichen Aspekten des Geld-, Wirtschafts- und Finanzsystems. Neben Andy Warhol, Öyvind Fahlström oder Klaus Staeck war die aus der Schweiz stammende Künstlerin Anne Jud eine der ersten, die Dollarnoten in ihre Arbeiten integrierte – und sie ähnlich wie Valenta zu Fächern verarbeitete.

 

Mit der ortsbezogenen Arbeit »sub rosa« (2014) platziert der Künstler weiße, langstielige Rosen in Glasvasen in den Beratungszimmern der Bankfiliale und spielt auf das dort geltende Bankgeheimnis an: Die aus dem Lateinischen stammende Floskel des Werktitels (»unter der Rose«) wurde in humanistischen Kreisen verwendet um das im Folgenden Gesagte als vertrauliche und geheime Information anzukündigen. Schon die alten Römer kannten diesen Ausdruck und in den nachfolgenden Jahrhunderten wurde auch mancher Beichtstuhl aus diesem Grund mit Rosen verziert. Philipp Valenta setzt sich in weiteren Arbeiten wie »Gold« (2012) oder »Auf Rosen gebettet« (2014) ebenfalls mit der Geschichte des dekadenten antiken Roms auseinander. Mit der letztgenannten Arbeit - aus leeren Geldsäcken gefertigte Kissenhüllen - spielt der Künstler darauf an, dass sich die reichen Römer ihre luxuriösen Matratzen mit Rosenblättern haben füllen lassen. In »Gold« verwendet Philipp Valenta ein Zitat aus Ovids Liebeskunst (ars amatoria, 2,277) »Aurea sunt vere nunc saecula: plurimus auro Venit honos, auro conciliatur amor.« (Es sind wahrhaft goldene Zeiten: für Gold erhält man höchste Ehren, für Gold wird Liebe gewährt). Der Spruch prangt als goldene Wandmalerei im Gasthof »Zur goldenen Rose« in Halle auf einem Türsturz aus den 1970er Jahren.

 

Mit seinen Werken ist Philipp Valenta an einer Verbindung von Alltagskulturen vergangener Jahrhunderte mit der heutigen Lebenswirklichkeit interessiert. In der Arbeit »Upgrade« (2014) präsentiert der Künstler mit goldenem Nagellack überzogene EC-Karten-Dummies. Nur der goldfarbige Chip bleibt frei. Bereits in der Serie der »Monochrome Hollywood Character Portraits« (seit 2013) verwendet der Künstler Nagellack und bemalt damit Platten aus Rinderhorn. Horn verweist einerseits auf menschliche Fingernägel, für die der Lack eigentlich gedacht ist, andererseits wird das Material allgemein hin mit Elfenbein assoziiert. Somit erinnert der Künstler auch an eines der ältesten Materialien für Schmuck, Kunst- und Gebrauchsgegenstände, das bereits bei den Phöniziern und im alten Ägypten Anwendung fand. In Valentas Arbeit wird es jedoch mit einer Schicht aus glitzernden Nagellacken vollständig überdeckt, dessen Namen sich auf berühmte Hollywood-Charaktere beziehen. Valenta spielt mit dem Horn einerseits auf ein Material der hohen Kunst an, überzieht dieses aber mit einem alltäglichen Gebrauchsgut, dem Nagellack, und überführt beides in der Kombination in den Kunstkontext. Dieses Vorgehen erinnert an die des Künstlers Anselm Reyle, der aus Bronze gegossene Skulpturen mit Autolack überzieht und so ebenfalls eine Verbindung von Alltagskultur und hoher Kunst schafft. Sowohl bei dieser Arbeit als auch bei Valentas Serie der »Monochrome Hollywood Character Portraits« (seit 2013) handelt es sich bei den verwendeten Nagellacken nicht um ein billiges Produkt aus dem Drogeriemarkt, sondern um einen Luxusartikel, der in der Goldvariante sinnigerweise Namen wie »Precious«, »Be My Millionaire« oder »It Rains Money« trägt. Dementsprechend wurden auch die Arbeiten der Serie benannt. Philipp Valenta stellt hier die Frage nach der eigentlichen Wertigkeit der Plastikkarten, dessen geringer Materialwert durch teuren Nagellack erhöht wird, wodurch sie nicht nur im übertragenden Sinne zur »goldenen Karte« werden. Indem der Künstler Nagellack - zum einen trashig-alltägliches Gebrauchsgut und zum anderen in der verwendeten Ausführung ein Luxusartikel - in den Kunstkontext integriert, führt er die Absurdität mancher Wertevorstellungen in unserer heutigen Gesellschaft vor Augen.

 

Der hohe Wert, der Gold beigemessen wird, scheint sich in den vergangenen Jahrtausenden jedoch stabil gehalten zu haben. Auch die biblische Geschichte der Verehrung des Goldenen Kalbs als Sinnbild einer fehlgeleiteten, quasi-religiösen Verehrung von Reichtum spielt in der Geldkunst eine wichtige Rolle und wird auch von Philipp Valenta aufgegriffen. So hat der Künstler im Rahmen seines partizipatorischen Kunstprojektes »Kunstkartell« (seit 2011) in Zusammenarbeit mit Cosima Göpfert eine 1-Euro-Discokugel entworfen, die es ermöglicht, sich im Schein des Geldes zu amüsieren und dem glitzernden DJ-Gott als absurdes Goldenes Kalb zu huldigen.

 

Wenn der Künstler aus Wachsresten von Opferkerzen ein neues Altarkreuz formt (»Überbleibsel«, 2012) und somit aus Abfall ein neues Objekt zur Anbetung schafft, hinterfragt der Künstler den Kontrast zwischen materiellem und ideellem Wert solch tradierter Kultobjekte. Auf die Macht des Glaubens sowie die christliche Verwandlung von Wasser zu Wein anspielend, verweist der Künstler auch auf den Stellenwert von Wasser als Luxusgut: Auf der Eröffnung der Ausstellung zum Kunstpreis Ennepe-Ruhr 2013 der Stadtwerke Witten verköstigte der Künstler in seiner Performance »Wasser und Brot« die Besucher mit feinen Brotvariationen und mit den weltweit teuersten Wassersorten, die Preissegmente bedienen, in die selbst manch ein Champagner nicht heranreicht.

 

Die Arbeit »Sweets«, die im Jahr 2012 in einer Einzelausstellung des Künstlers im Schloss Belvedere, Museum für Kunsthandwerk der Klassik-Stiftung Weimar ausgestellt wurde, besteht aus optisch zu Süßigkeiten verarbeiteten »Edelsteinen«. Hier wird ein Kontrast zwischen einem Massenkonsumartikel und einem teuren Luxusgut suggeriert, der allerdings nicht zutrifft: Die vermeintlich wertvollen »indischen Rubine«, die in herkömmliches durchsichtiges Bonbonpapier eingewickelt wurden, sind ebenfalls nur ein billiges Gut, das oft für esoterischem Schmuck verwendet wird, den man auf Floh- oder Weihnachtsmärkten kaufen kann. »Echte« Bonbons aus Zucker hingegen waren jahrhundertelang sehr teuer und wurden an europäischen Königshöfen als Luxusmahl verspeist.

 

Philipp Valenta schöpft aus dem reichen Repertoire globaler Kulturgeschichte und unserem heutigen Alltag. In seinen Arbeiten kombiniert der Künstler ungewöhnliche und vorgefundene Materialien aus unterschiedlichen Kontexten miteinander. Mit den Arbeiten »A perfect match«, »Fen-Fan«, »Mit Geld spielt man nicht«, »sub rosa«, »Wertpapierzeichnung« und »Upgrade« wird Wertigkeit vor allem im Zusammenhang mit dem Banken- und Finanzwesen hinterfragt und in einen kulturellen, historischen und zeitgenössischen Kontext eingebunden. Besonders die Überführung von Materialien und Objekten wie Plastikkarten, Nagellack oder Rosen in den Kunstkontext offenbart die Absurdität unserer heutigen Konsumgesellschaft zwischen Luxus und Armut, Geld und Macht. Mit vielschichtiger Symbolik erinnert Valenta an die Diskrepanz von reinem Materialwert und dem Wert, der einem Objekt darüber hinaus beigemessenen wird: Goldfarbe selbst ist nicht teuer, aber sie symbolisiert einen hohen Wert. Eine Liste mit Wertpapiernummern ist ebenfalls nicht wertvoll. Sie verweist indes nur auf ein weiteres Stück Papier, dem wiederum vermeintlich ein hoher Wert zukommt. So wird auch der Wert eines Kunstwerks heutzutage nicht an den Materialkosten sondern an der dahinterstehenden Idee, dem Konzept, festgemacht. Auf vielen Ebenen legt der Künstler den Kontrast von materiellem und ideellem Wert offen und wirft die Frage nach der Entstehung, Entwicklung und Schöpfung von Werten auf. Gleichsam wird in Valentas Werken deutlich, dass es, neben allerlei Faktoren wie der Knappheit von Gütern, vor allem der Glaube ist, der Wert generiert. Das gilt nicht nur für Religion, sondern auch für die Kunst und das Geld.

 

Tina Sauerländer, Kunsthistorikerin und Kuratorin (peer to space)

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